Mittwoch, 29. Januar 2014

Die erstaunlichen Parallelen zwischen Klimawandel-Leugnern und Überwachungsapologeten

Mein Blog beschäftigt sich ja eigentlich schwerpunktmäßig mit den Themen nachhaltiger Konsum und Umweltschutz. In der letzten Zeit nahmen dann Meldungen über das Ausmaß der globalen Überwachung einen immer größeren Stellenwert ein. Einfach weil mir das Thema am Herzen liegt und ich die breite gesellschaftliche Apathie hierzu nicht nachvollziehen kann.

Als ich dann gestern wieder einen Artikel mit nichtssagenden Aussagen eines scheinbaren Experten (in diesem Fall der Präsident des Verfassungsschutzes laß)*, der die Enthüllungen von Snowden und das Ausmaß der Überwachung durch Geheimdienste anzweifelte, fiel mir auf wo ich dieses Muster schon einmal gesehen hatte. Richtig: Die gleiche Form der "Öffentlichkeitsarbeit" wurde schon bei der Pseudo-Diskussion um den Klimawandel erprobt. Wie ich zugegen muss, leider äußerst erfolgreich. 


Wie funktioniert dieses Spiel also? Damals, als immer mehr Berichte über den Klimawandel auftauchten, schien die öffentliche Meinung bedrohlich in Richtung "so kann das nicht mehr weiter gehen!" zu kippen. Zu bedrohlich vor allem für die Schwerindustrie und die Energieerzeuger. Deren Hauptproblem war, dass praktisch jeder ernsthafte Klimaforscher einen Klimawandel durch höhere Treibhausgase für sicher und erwiesen hielt**.
Mit eigener "Forschung" war da also wenig zu gewinnen - keiner der echten Experten hätte sich dafür hergegeben, Artikel in Fachzeitschriften für die Industrie anzufertigen, um den Klimawandel anzuzweifeln.

Dann machte diese Lobby aber einen genialen PR-Coup. Sie hatte begriffen, dass kein normaler TV-Zuschauer (und um die geht es letztendlich) wissenschaftliche Fachblätter abonniert. Sie änderten also nicht die Forschungsergebnisse und Expertenmeinungen sondern einfach nur die öffentliche Wahrnehmung davon. Dafür wurde eine akademische Diskussion herbeigeredet, die so gar nicht existierte. Die Existenz des Klimawandels war (und ist) wissenschaftlicher Konsens. 
Doch sobald ein Klimaforscher im Fernsehen auftrat, wurde ihm irgendein Klimaskeptiker gegenübergestellt. Da war es dann egal, ob dieser überhaupt einen akademischen Hintergrund hatte, oder (wie in den meisten Fällen) einfach nur ein PR-Berater ohne jegliches Hintergrundwissen war. Bei Anhörungen im Kongress wurde auf Druck von Lobbyorganisationen genau das gleiche getan. Für jeden ernsthaften Klimatologen nahm die Gegenseite einfach irgendjemanden, der den Anschein erwecken sollte, als gäbe es um die Existenz des Klimawandels Unsicherheit und Diskussionen in der Fachwelt. Fachwissen etc. außen vor, es war nur von Bedeutung, dass da jemand stand, der möglichst laut "NEIN" schrie. Argumente wurden völlig unwichtig.
Die Öffentlichkeit schluckte die Pille und übernahm die Sichtweise, dass - fernab der akademischen Realität - der Klimawandel in Fachkreisen umstritten war. Diese frei erfundene 'Diskussion' setzt sich bis heute fort und das widerlegte Argument, dass der Klimawandel umstritten ist, wird heute noch für die Verabschiedung der absurdesten Gesetze verwendet. Es geht also nicht um Fakten sondern einzig und alleine um das Stiften von Verwirrung.
Die Zeit hat einen wirklich guten und lesenswerten Artikel zu dem Thema gehabt.

Vielleicht kommt euch das Muster jetzt schon bekannt vor. Es gibt vermutlich keinen ernstzunehmenden Juristen, Bürgerrechtler oder IT-Spezialisten, der das momentane Ausmaß der Überwachung durch NSA, GCHQ, BND und Konsorten für verhältnismäßig und mit dem Grundgesetz vereinbar hält. 
Jetzt werden die Lehren aus dem Erfolg der "Klimawandelskeptiker" angewandt (und es würde mich nicht mal wundern, wenn das sogar die gleichen Köpfe sind, die hinter dem momentan laufenden PR-Feldzug stecken).
Es werden Leute aus dem Hut gezaubert, die scheinbar Expertise besitzen und einfach nur dazu da sind um Zweifel an den Enthüllungen von Snowden und den Bedenken der Datenschützer anmelden. Immer und immer wieder. So lange bis die Bevölkerung die Kröte geschluckt hat und denkt, dass es da eine ernsthafte, komplizierte Diskussion zu dem Thema gibt.
Und da beginnt die große Katastrophe für die Internetgemeinde, die mit langen Blogposts, Artikeln und komplizierten Begründungen versucht die öffentliche Meinung zu ändern. Es reicht wenn die Gegenseite ein paar scheinbare Experten (wie den anfangs erwähnten Chef des VS) ins Rennen schickt, die abwechselnd einfach oft genug sagen. "Nein das stimmt nicht", "das ist schon alles in Ordnung so",... Es wird wieder eine Diskussion vorgetäuscht, wo in Fachkreisen eigentlich gar keine existiert. Und der Bürger? Der ist erst einmal verwundert. 
Dann schlägt die zweite Lehre der "Klimaskeptiker" zu. Einfache Botschaften säen am leichtesten Zweifel. Otto Normaluser denkt sich bei Sascha Lobos Artikeln vermutlich tatsächlich nur "tl;dr".
Die Argumente der "Transatlantiker" sind dagegen schön einfach und nicht mal annähernd so abstrakt: "Die USA sind unsere Freunde und wir sind auf sie angewiesen. Arbeitsplätze!", "Das bisschen Überwachung ist gar nicht so schlimm", "Die Geheimdienste schützen vor Terroristen",... Diese Botschaften am besten so oft und von so vielen Personen wie möglich an die Öffentlichkeit bringen und schon ist die Verwirrung für den Bürger perfekt. ***
Und der Bürger? Wem soll er nun genau glauben? Diese Zweifel reichen auf jeden Fall völlig aus um den Durchschnittswähler eben  nicht davon abzuhalten bei den nächsten Wahlen wieder an der gewohnten Stelle das Kreuz zu machen (Deshalb auch die Kehrtwende der SPD in der "Groko"). 

Das hätten wir also. Die Kunst ist, eine Diskussion vorzugaukeln, wo es gar keine gibt und mit möglichst einfachen Botschaften für Verwirrung zu sorgen.
Was können wir nun dagegen tun?
Nun, die Antwort liegt wieder bei den "Klimaskeptikern" und es wird Zeit, deren Taktik zumindest teilweise zu übernehmen.
Einer der größten Erfolge dieser Lobby war "Climategate" (ich verweise wieder auf den Zeit Artikel und auf Wikipedia). Kurz zusammengefasst wurde der Gegner (die Klimaforscher) öffentlich diskreditiert, ihre Aussagen verdreht und ihnen so Fehlverhalten vorgeworfen. Das Ganze zwar völlig unbegründet, aber das hat die Öffentlichkeit dann schon gar nicht mehr mitbekommen. Es war erschreckend effektiv.
Nun wäre eine solche Vorgehensweise natürlich fernab von meiner Vorstellung von einer demokratischen Diskussion****.

Jetzt aber zum positiven Aspekt. Wir brauchen uns gar nicht von unseren moralischen Vorstellungen zu verabschieden. Das Grundprinzip können wir leicht übernehmen: Bei jeder Gelegenheit die Glaubwürdigkeit des Gegners zu erschüttern. So wie es eine Weile bei jeder Veröffentlichung über den Klimawandel "Climategate" hieß, müssen wir das gleiche bei unseren politischen Gegnern machen und uns diese dafür einfach einzeln vornehmen. Dankenswerterweise haben und Pofalla, Generalbundesanwalt Range etc. ihre Inkompetenz bereits öffentlich zur Schau gestellt und uns damit genug Munition für solche Angriffe gegeben. Und diese laufen dann so:

1) Die sachliche Diskussion in den Hintergrund verlagern (die ist wichtig, keine Frage - aber die kriegt die Öffentlichkeit nicht mit)
2) Sobald einer der Überwachungsapologeten auf der Bildfläche erscheint, wird nicht diskutiert, sondern er wird einfach nur lächerlich gemacht. Pofalla bekommt seine "Affäre beendet" Aussagen vorgehalten. Range seine NASA und seine Unfähigkeit GCHQ zu buchstabieren. Der Verfassungsschutz wiederum kriegt sein konstantes Versagen vorgeworfen. V-Männer, die staatlich finanziert rechte Gruppen aufbauen und völlig wertlose Informationen liefern, die NSU, und so weiter. Wenn einer der Vertreter sich zu Wort meldet, wird die Inkompetenz in der Vergangenheit wieder ans Licht geholt. Diesen Leuten wollt ihr etwas glauben? Je einfacher desto besser.
3) Gebetsmühlenartig wiederholen. So lange bis jeder Wähler diese Leute für so dumm und inkompetent hält, wie sie sind (Warum glaubt ihr wohl hat Merkel Pofalla aus der Schussbahn geholt).
4) Einzelschicksale in den Vordergrund. Jemand darf nicht in die USA einreisen, Die - ach so anständigen - NSA Mitarbeiter späen ihre Geliebten aus,... um so persönlicher desto besser. (ja, die funktionieren - wie erklärt ihr euch sonst die Aufregung um das Handy von Merkel?)
5) Auch Punkt 4 Gebetsmühlenartig wiederholen.

Ich glaube, so könnten wir es noch schaffen.



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* (Der Rant von fefes Blog als Antwort. So etwas möchte ich ja nicht unkommentiert stehen lassen)
** (wir reden hier von einer relativen Quote von 100%. Natürlich gibt es in der akademischen Welt immer Abweichler, aber hey - Dr. Axel Stoll hat auch promoviert und veröffentlicht fröhlich vor sich hin)
*** Nein, ich behaupte nicht, dass die Medien dort absichtlich mitspielen, aber auf so etwas springen Zeitung und Journalisten nun mal leider an. Diskussionen sind toll und Auflagesteigernd, nicht vergessen.
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